Heimat von Räubern und Winzern

Das Dorf El Borge besticht durch alte Weinbautraditionen und die Freundlichkeit seiner Bewohner (Nicolas Hock, El Borge, CSN)

Ein reizendes Bergdorf, das noch weitgehend verschont geblieben ist von großen Touristenmassen, ist der Ort El Borge, rund 15 Kilometer landeinwärts von Rincón de la Victoria gelegen. Bekannt ist das Dorf für seinen Anbau von Weintrauben zur Herstellung der international geschätzten Muskatellerrosinen.
Viele der rund 1.000 Einwohner der Gemeinde widmen sich zumindest nebenberuflich dem Weintraubenanbau. Ende September wird jedes Jahr in El Borge der „Tag der Rosine“ gefeiert, ein Fest, zu dem unzählige Besucher von auswärts in das Dorf kommen. Die restlichen Tage des Jahres geht es eher beschaulich zu in El Borge.
An Unterkünften für Touristen gibt es bisher 15 Ferienhäuser, ansonsten wird El Borge von Auswärtigen hauptsächlich für Tagesausflüge besucht.
Ein solcher Ausflug kann jedem empfohlen werden, der die Ursprünglichkeit eines andalusischen Dorfes und die Freundlichkeit seiner Bewohner zu würdigen weiß; zwei Museen geben Einblicke in alte Traditionen, ein kleiner Vogelpark ist eine der neuesten Attraktionen des Dorfes.

Anfahrt über Rincón oder Vélez
Von Málaga aus erreicht man El Borge mit dem Auto in 45 Minuten. Von der Autobahn kommend, nimmt man bei Rincón de la Victoria die Abfahrt Benagalbón.
Die Fahrt führt durch Benagalbón und an Moclinejo und Almáchar vorbei. Hinter Almáchar (hier gibt es keine Beschilderung) geht es links nach El Borge. Nur rund 25 Kilometer lang ist die Strecke, doch zahlreiche Kurven machen ein schnelles Vorwärtskommen unmöglich.
Die Entschädigung: bezaubernde Blicke auf Obstplantagen und die umgebende Hügellandschaft. Eine alternative Anfahrt führt über Vélez-Málaga und Benamocarra. Die Strecke ist landschaftlich weniger interessant, aber kürzer: rund 15 Kilometer von Vélez, die man in zwanzig Minuten bewältigen kann.
Vor dem Eingangstor zum Dorf stellt man das Auto in einer der Parkbuchten am Straßenrand ab. Fünfzig Meter unterhalb des Tores befindet sich ein Aussichtspunkt, von dem aus man schon erste Eindrücke von El Borge erhält. Zu Fuß geht es nun durch den Torbogen hindurch immer geradeaus in Richtung Rathaus.
Das Tor ist dem maurischen Baustil nachempfunden und trägt die Inschrift des arabischen Arztes und Botanikers En Baitar, der im 13. Jahrhundert in El Borge gelebt habt. Gleich hinter dem Tor ist rechts in der Mauer ein interessantes Detail zu sehen: eine Plakette, die auf den Volksentscheid von 1996 hinweist: „El Borge, das erste Dorf der Welt, das den Neoliberalismus besiegt hat“ .
Was bereits beim Betreten des Dorfes auffällt: Obwohl hier jeder jeden kennt, werden Fremde nicht argwöhnisch, sondern mit neugierigem Interesse betrachtet. Die Dorfbewohner begrüßen jeden Neuankömmling, und gleiches wird auch von den Fremden erwartet.
Im Rathaus holt man sich eine Broschüre mit den Sehenswürdigkeiten des Dorfes. Wer ausreichend Spanisch spricht und das Glück hat, den Bürgermeister José Antonio Ponce dort anzutreffen, erhält von ihm bereitwillig Auskunft auf alle Fragen.
Vor dem Rundgang durch das Dorf lohnt sich ein Besuch der Pfarrkirche „Iglesia Nuestra Señora del Rosario“, die sich direkt gegenüber dem Rathaus befindet. Das Bauwerk wurde im Jahr 1505 fertig gestellt und enthält sowohl Strukturelemente aus Gotik, Renaissance und arabischem Baustil. Im Turm der Kirche ist eine Gruft untergebracht, in der in vergangenen Jahrhunderten die wohlhabenden Familien des Dorfes ihre Toten bestatteten.
Hinter dem Rathaus biegt man links in eine kleine Gasse ab, nimmt die erste Abzweigung wieder links und gelangt so, an mit Blumenkübeln geschmückten Häusern vorbei, in die Straße, die der einstigen spanischen Währung gewidmet ist: die Calle Pesetas. In einem Eckhaus auf der rechten Seite befindet sich das Geburtshaus des berüchtigten Banditen Luis Muñoz, „Der Schielende aus El Borge“, der im 19. Jahrhundert im Stile eines Robin Hood sein Unwesen trieb.
In wenigen Wochen wird dort das Räubermuseum von El Borge eröffnet werden. Neben historischen Waffen des „Schielenden“ und seiner Bande werden dort alte Werkzeuge ausgestellt sein. Außerdem wird in dem Museum ein Restaurant untergebracht mit Gästebetten für Touristen.
Vom Räubermuseum aus geht man die Straße hinab. Linker Hand erblickt man den Brunnen „Fuente del Cuerno“, wo die Frauen des Dorfes früher ihre Wäsche gewaschen haben. Wenn die Straße wieder leicht ansteigt, biegt man links, dann rechts und gleich wieder links ab, und man steht vor dem Museum „El Sarmiento“ (dt. Rebe, Weinstock).
Die Bezeichnung Museum täuscht ein wenig, denn „El Sarmiento“ könnte genauso gut als Kneipe oder Biergarten bezeichnet werden. Umgeben von historischen Utensilien rund um den Weinbau kann man dort gemütlich unter Zitronenbäumen im Freien sitzen oder sich im Inneren des Gebäudes an der Bar mit der netten Kellnerin Mari Carmen Fernández unterhalten. Geöffnet ist die Kneipen-Museums-Kombination offiziell von Freitag bis Sonntag ab 20.30 Uhr. Mari Carmen, die in dem Haus gegenüber dem Eingang wohnt, versichert jedoch, dass sie jedem, der an ihre Tür klopft, das Museum zeigen wird.
Wer jetzt Hunger verspürt, kann einen Abstecher in eine der Tapas-Bars im Zentrum machen, in denen einfache, aber herzhafte Hausmannskost serviert wird.

Zum Abschluss des Ausfluges empfiehlt sich ein Besuch des Vogelparks von El Borge. Den Kirchturm auf dem Rathausplatz lässt man zur Linken, dann ist der Park in wenigen Minuten erreicht. Um einen Kinderspielplatz herum befinden sich Gehege mit chinesischen Wildenten, Rebhühnern, Enten und Schwänen. Sogar drei Strauße sind in dem kleinen Park untergebracht.
Vor der Heimfahrt können die Spezialitäten von El Borge – Rosinen, Muskatellerwein und -schnaps – in einem der Geschäfte in der Hauptstraße gekauft werden.